Der Judoka Paul Elm (links) und Nico H. in kämpferischer Pose

Unsere Veröffentlichung vom 8. April 2013 unter dem Titel „Potsdamer Neonazis auch 2013 sportlich?“ [1] erzeugte in den letzten Tagen ein Medienecho und verschiedene Reaktionen Potsdamer Sportvereine und des Stadtsportbundes. [2]
Nach den Berichten über weitere Neonazis in städtischen Sportclubs wurde am 16. April 2013 eilig die Satzung des Stadtsportbundes geändert. Bereits seit mehreren Monaten wurden überarbeitete Passagen angekündigt, jedoch nicht eingearbeitet. Einstimmig beschlossen alle Potsdamer Vereine nun den Satzungszusatz: „Die Vereine treten Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit und anderen Formen des Extremismus öffentlich klar entgegen“.

Damit sind dann auch sogenannte „Linksextremist_innen“ gemeint, die in feinster Extremismusrhetorik mit Neonazis gleichgesetzt werden, zu denen der Verfassungsschutz „die Antifa“ oder auch die Linkspartei zählt.

In jüngster Vergangenheit gab es immer wieder Debatten um die sogenannte „Extremismusklausel“ der derzeitigen Bundesregierung. Diese Klausel, nach der Vereine, die staatliche Förderung erhalten, sich zur „freiheitlichen demokratischen Grundordnung“ bekennen sowie dies ebenso für etwaige Kooperationspartner_innen garantieren sollen, entstand unter Federführung der Familienministerin Schröder in Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz. Wissenschaftlich ist der Extremismusbegriff keineswegs haltbar, orientiert er sich doch an der stark umstrittenen Totalitarismustheorie. Seriöse Expert_innen, wie Wolfgang Wippermann oder Gero Neugebauer, bezeichnen die Begriffe „Rechtsextreme“ und „Linksextreme“ als gefährlich relativierend.
Mit dieser Extremismustheorie, die regelmäßig von etablierter Politik und Medien genutzt wird, werden Neonazis wieder salonfähig, deren menschenverachtende Gesinnung verharmlost und antifaschistische Arbeit torpediert.
Im jetzigen Fall sind es demnach unsere Recherchen, die als „extremistisch“ ausgemacht werden und somit laut Satzung ebenso zu verurteilen wären, wie Neonazis in den Vereinen.
So wird der Fokus von den eigentlichen Problemen weg auf die Initiativen gerichtet, welche auf die Probleme aufmerksam machen. Die verschiedenen Ämter des Verfassungsschutz und andere staatliche Einrichtungen richten so seit Jahren ihre Arbeit aus und kriminalisieren antifaschistisches Engagement.

Die Stadtsportbundchefin muss einräumen, dass es „trotz der Satzungsänderung für Sportvereine äußerst schwierig ist, gegen Rechtsextreme in ihren Reihen vorzugehen. Wenn diese als normale Mitglieder trainierten und nicht ihre Weltsicht verbreiteten, gebe es kaum eine rechtliche Handhabe.“
Der Chef von „Eintracht 90 Babelsberg“ will auch weiterhin für Thomas Pecht ein Bindeglied zur Gesellschaft bleiben. Trotz einstimmiger Annahme des Satzungszusatzes sieht er keine Veranlassung das Gründungsmitglied der Potsdamer „Junge Nationaldemokraten“ (JN) und wichtigen Kader der „Freie Kräfte Potsdam“ (FKP) Thomas Pecht [3] des Vereins zu verweisen. Die Umformulierung der Satzung muss sich daher als blinder Aktionismus verstehen lassen. Ohne ein Umdenken in Sportbund und Vereinen wird sich das Problem nicht lösen lassen. Zu diesem Umdenken gehört auch das Hinterfragen der Äußerungen der eigenen Sportler_innen.
Sportvereine versuchen jegliche Anschuldigungen gegen ihre Mitglieder im Keim zu ersticken, indem sie deren Äußerungen bzw. Distanzierungen unhinterfragt weitergeben und beispielsweise behaupten, die Angeschuldigten seien ausgestiegen und hätten sich von der Neonaziszene längst distanziert – so wie im Fall Mario Schober [4]. Für Neonazis ist so eine Behauptung leicht über die Lippen zu bringen, da sie oftmals nicht in festen Strukturen Mitglied sind, sondern sich als Teil loser Kameradschaften begreifen. Des weiteren sehen sie sich selbst nicht als Neonazis sondern als „Nationale“, „Patrioten“ oder „Identitäre“, um sich vom historischen Nationalsozialismus abzugrenzen. Ohne ihr Gesicht zu verlieren, können die Beschuldigten so weiter ihrem Hobbysport nachgehen und gleichzeitig ihre Kontakte in die Neonaziszene pflegen.
Sport und Bewegung spielt für Neonazis eine herausragende Rolle in ihrem Weltbild. Gesunde und trainierte Körper gelten in ihrer Weltvorstellung als erstrebenswert und bedeutsam für das Fortleben der „arischen Rasse“. Als 2008 eine Turnhalle durch die „JN Potsdam“ angemietet wurde, folgte eine Artikel-Veröffentlichung, die diesen Habitus widerspiegelt.
“Da es in Potsdam für nationale und andere Jugendliche keinerlei Perspektiven gibt, wir aber eine aufstrebende Jugendbewegung sind, treffen wir uns schon seit ein paar Monaten zum Fußball. Ganz entgegen der BRD Trägheit wollen wir die müden Knochen in Schwung bekommen und den Körper und Geist in Form bringen. Fußball fördert die Gemeinschaft und ist gut für die Gesundheit.”
Den Sportvereinen fehlt die Einsicht in das Privatleben und die Vorgeschichte ihrer Mitglieder um sich ein umfangreiches Bild zu verschaffen, so dass sie sich lieber schützend vor ihre Sportler stellen und somit verhindern einen guten Stürmer oder Torwart zu verlieren.

Wir geben Neonazis keinen Vertrauensvorschuss. Wir vergessen nicht wer noch vor ein paar Jahren oder aktuell Antifaschist_innen bedrohte, angriff und Propagandaaktionen durchführte. Neonazis entwickeln sich nicht in fromme Lämmer nach ein paar Monaten in Sportvereinen und ohne neonazistische Auffälligkeiten. Sie hängen immer noch mit ihren alten Neonazi-Kumpels ab, pöbeln im Suff Migrant_innen voll und hinterlassen rassistische Schmierereien in ihren Wohnvierteln. Deswegen möchten wir im Folgenden auf ein paar genannte Sportler des vorigen Artikels näher eingehen.

Antisemitischer Tag von Fabian Klennert an einem Verkehrsschild in Fahrland

Paul Elm soll eine eidesstattliche Erklärung abgegeben haben, „kein Neonazi zu sein und andere zu verprügeln“. Dass Elm ein Neonazi ist haben wir nie behauptet. Paul Elm gehört jedoch der Hooligan Gruppierung „Crimark“ an [5], deren Mitglieder teilweise Neonazis sind und Kontakte in die Neonaziszene Berlins pflegen. Zum Habitus von Hooligans gehört es, andere Fußballfans körperlich zu attackieren. So fiel Elm in der Vergangenheit immer wieder als Beteiligter bei Bedrohungen feindlicher Fußballfans auf. Auch mit den anderen „Crimark“ Mitgliedern geht er weiterhin feiern und hält Kontakt. Daher ist er der Hooligangruppierung immer noch zuzurechnen.

Fabian Klennert ist einer der weiteren Mitglieder von Crimark. Er ist ebenfalls an Einschüchterungsversuchen beteiligt, trägt Klamotten mit der Aufschrift „Nationale Sozialisten“ und bemalt Verkehrsschilder mit „Crimark Hooligans – Juden BBG“.

Christian Helmstedt, Gabor Grett und Patrick Bünsch (v.l.n.r.) auf einer privaten Feier von Bünsch

Patrick Bünsch war in den vergangenen Jahren dem NPD Stadtverband Potsdam zuzuordnen. Er war bei der Gründung der „JN Potsdam“ im September 2008 in der Turnhalle des Schiller Gymnasiums anwesend und verteilte Ende 2010 mit weiteren Neonazis den NPD-Propagandaflyer „Potsdamer Fackel“ im Potsdamer Stadtgebiet. Da der Stadtverband mittlerweile inaktiv ist, ist es auch für Bünsch einfach, eine Mitgliedschaft zu leugnen. Am 14. April 2011 beteiligte er sich gemeinsam mit Neonazi aus dem Umfeld der „FKP“ an einem gewalttätigen Übergriff auf Potsdamer Antifaschist_innen. Auch hier ist ein leugnen der Mitgliedschaft bei den „FKP“ leicht, da die „Freien Kräfte“ keine feste Mitgliedschaft haben sondern als loser Zusammenschluss agieren.

Facebook-Freunde von Patrick Bünsch: "Kjell Friedrich" ist B. Oestreich; "Dennis Muck" ist D. Helmstedt; "Christian Halbstein" ist Ch. Helmstedt; auch die anderen Personen sind der Potsdamer bzw. Brandenburger Neonaziszene zuzurechenen

In einer Pressemitteilung des Jugendclub Alphas, welche auch Bünsch unterzeichnete, heißt es „Patrick Bünsch ist nach eigener Aussage seit zwei Jahren weder in den genannten oder ähnlichen Organisationen aktiv oder passiv tätig sei, noch eine ähnlich politisch ausgerichtete Meinung vertritt, geschweige denn, diese propagiert.“ Bünsch pflegt jedoch weiterhin Kontakte zur Potsdamer Neonaziszene. Auf Facebook und im echten Leben ist er mit einschlägigen Größen der Szene, z.B. Gabor Grett, den Helmstedt-Brüdern oder Benjamin Oestreich befreundet.

Der nun eingeführte “Ehrenkodex” für Sportvereine ist, wie wir vorhersagten, eine leere Phrase. Funktionäre und Sportler_innen verstecken sich hinter diesem Kodex, um jedwede Kritik ignorieren zu können und sich als „Macher_innen“ darzustellen. Dies ist jedoch genau der Nährboden auf dem neonazistische Sportler_innen wie Thomas Pecht und andere Jahrzehnte lang geduldet wurden und werden.Wir hoffen, dass der Stadtsportbund seine „Extremismusklausel“ überdenkt und endlich aktiv gegen Neonazis in den Sportvereinen vorgeht, nicht nur auf dem Papier. Wir fordern eine ernsthafte, inhaltliche Auseinandersetzung und klare Abgrenzung zu neonazistischem Gedankengut. Das ist, unter anderem, nur darüber zu erreichen die betreffenden Sportler_innen konsequent aus den Vereinen auszuschließen.

[1] http://arpu.blogsport.eu/2013/04/08/potsdamer-neonazis-auch-2013-sportlich/
[2] http://www.pnn.de/potsdam/744075/
[3] http://arpu.blogsport.eu/2012/03/27/thomas-pecht-volkssport-fur-die-volksgemeinschaft/ und http://arpu.blogsport.eu/2012/06/04/schober-und-pecht-noch-immer-etabliert-vereine-hofieren-neonazis/
[4] http://arpu.blogsport.eu/2012/02/20/cheer-for-ns-potsdamer-neonazi-mario-schober/ und http://arpu.blogsport.eu/2012/02/22/neonazi-mario-schober-mehr-als-unglaubwurdig-verein-verharmlosend/ und http://arpu.blogsport.eu/2012/06/04/schober-und-pecht-noch-immer-etabliert-vereine-hofieren-neonazis/
[5] http://arpu.blogsport.eu/2012/05/30/gewaltromantik-trifft-auf-neonazidenken-crimark-neonazi-hools-in-rot-weis/