HINTER DEN KULISSEN 3

Hinter den Kulissen #3

„Regionalbericht Potsdam“, entnommen aus der aktuellen Ausgabe der antifaschistischen Recherche-Zeitschrift HINTER DEN KULISSEN 3. Alle Hervorhebungen wie im Original.

Die Broschüre ist auf antifa-berlin.info herunterzuladen. In gedruckter Form findet ihr sie auch in einigen Linken Buchläden und anderen Lokalitäten.

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Die Landeshauptstadt Brandenburgs schmückt sich mit dem Selbstbild der toleranten Stadt und beruft sich dabei häufig auf das Potsdamer Toleranzedikt von 1685. Eine Image-Kampagne versucht diesen Erlass immer wieder zu betonen. Einher geht dies mit einer Glorifizierung des Preußentums auf allen Ebenen. Die „Langen Kerls“ (Fritz‘ Lieblings Männerbund) werden wieder zum Leben erweckt, um stramm zu stehen und der Landtag wartet gespannt auf seine neue Residenz in Potsdams Mitte – dem Stadtschloss. Der positive Rückbezug auf die eigene Geschichte steht hier im Vordergrund und soll der Stadt eine Identität verleihen, die Toleranz hervorhebt und sich dabei auf die traditionellen (preußischen) Wurzeln bezieht.
Während im Stadtzentrum Friedrich des Großen liebster Männerbund für die preußischen Tugenden gefeiert wird und das „Friedrich-Jahr“ ein unkritisches Gesichtsverständnis vermittelt, gedenken Potsdamer Neonazis Friedrichs‘ Grab. Statt wie die langen Kerls im Krongut Bornstedt, marschieren die „Freie Kräfte Potsdam“ hauptsächlich nachts durch das Plattenbaugebiet Waldstadt. Im Fackelschein skandieren sie wiederholt fast unbehelligt faschistische Parolen.
Auf ihrer Informationsplattform, dem „Infoportal Potsdam“, propagieren die „Freie Kräfte Potsdam“ (FKP) offen den Nationalsozialismus. Aktionsberichte und Texte beispielsweise über die sogenannten „Blutzeugen von München“ jährlich am 9. November oder den drohenden „Volkstod“ verdeutlichen ihr geschlossenes menschenverachtendes Weltbild.

Aktive neonazistische Strukturen in Potsdam der vergangenen Jahren

NPD Analyse des Untergangs 2010-2011

Neben der parteiungebundenen Struktur der FKP finden sich in der Landeshauptstadt auch parteigebundene Neonazi-Strukturen. Anfang 2010 gründete sich offiziell der NPD-Stadtverband Potsdam. Gründungsmitglieder waren u.a. Marcel Guse und Daniel Hintze, der Schlagzeuger der Band Preussenstolz. Die ersten NPD „Stammtische“ folgten unmittelbar und dienten zur Vernetzung der örtlichen Neonazistrukturen. Ziel war die „Zusammenführung der vielen zerstreuten nationalen Kräfte“ in Potsdam. Neonazis aus dem gesamten Bundesgebiet wurden hierzu eingeladen um zu referieren. Dazu gehörten Ralph Tegethoff (ehemals “Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei”), Maik Hampel (ehemals “Nationalistische Front”) und der JN bzw. “Spreelichter” Kader Sebastian Richter. In regelmäßigen Abständen wurde sich in Gaststätten in und um Potsdam getroffen. Zu Stammtischen und Kreis- bzw. Stadtverbandstreffen nutzen sie Anfang 2010 u.a. die Gaststätten „Die Else“ in Potsdam-Bornstedt, die Dart-Kneipe „Wiesenbaude“ in der Teltower Vorstadt und Anfang 2011 das Seddiner Hotel „Jägerhof“.
Im „Jägerhof“ trafen sich am 24.02.2012 erneut die „Junge Nationaldemokraten” Potsdam (JN), welche eng mit der Gruppierung der “Freie Kräfte Potsdam” verbunden ist und erhebliche Personenüberschneidungen mit ihnen aufweist.
Dennoch ist hervorzuheben, dass der Potsdamer NPD Verband seit der Gründung keinen nennenswerten Einfluss auf das Potsdamer Stadtbild hat. Zu den wenigen Publikationen gehörte die Zeitung „Potsdamer Fackel“. Marcel Guse, als Protagonist der Potsdamer NPD, versuchte lokalpolitische Themen aufzugreifen und für die menschenfeindliche Propaganda der NPD aufzuarbeiten. Nach einer Reihe von Brandstiftungen an Fahrzeugen im Stadtteil Fahrland, bei denen ein politischer Hintergrund vollständig ausgeschlossen wurde, versuchte Guse beispielsweise die linke Szene der Stadt dafür verantwortlich zu machen. Guse hetzte weiterhin gegen das verlegte Asylsuchendenheim und ließ sich mehrfach als bürgernahen Flyerverteiler auf der NPD-Homepage inszenieren. In seinen Texten trat er offen nationalisozialistisch auf, was später ein Grund zur Trennung des Landesverband von Guse darstellte.
Zuletzt trat die NPD am 15. September 2012 in Erscheinung. Angemeldet war eine Demonstration durch den Vorsitzenden Michel Müller des NPD-Kreisverbandes Havel/Nuthe. Nur wenige bekannte Potsdamer Neonazis ließen sich auf der Veranstaltung blicken, was für ein gesunkenes Vertrauen zur Partei innerhalb der Szene spricht. Auch waren Potsdamer Neonazis nicht erkennbar an der Organisation der Demonstration beteiligt. An diesem Tag zeigte sich erneut, dass der Potsdamer NPD Stadtverband seit dem Austritt von Marcel Guse im Herbst 2011 inaktiv ist und auf Unterstützung von außen angewiesen ist. Unter den 81 angereisten Neonazis war der Großteil aus noch aktiven NPD-Verbänden in Brandenburg und Berlin angereist. Sie konnten den Auftaktort jedoch nicht verlassen, da Versammlungen rund um den Hauptbahnhof die Route blockierten und die Polizei sich gegen eine Räumung dieser entschied.

Exkurs: Marcel Guse

Um den Auf- und Abstieg der NPD in Potsdam zu verstehen, lohnt es sich Marcel Guses Werdegang zu beleuchten.
Seine politische Laufbahn begann der Niedersachse bei der Brandenburger DVU. So beteiligte er sich spätestens seit dem Jahr 2008 an verschiedenen DVU-Ständen in Teltow-Fläming. An der Seite des ehemaligen DVU- Stadtverordneten Günther Schwemmer sammelte er z.B. Unterschriften gegen ein geplantes Asylsuchendenheim im Potsdamer Stadtteil Schlaatz und organisierte die monatlich stattfindenden Stammtische der DVU. Aus dem gleichen Anlass besuchte er mit Maik Eminger am 16.02.2009 im Bürgerhaus am Schlaatz eine Bürger_innenversammlung zum geplanten Umzug. Dort versuchte er sich in die Diskussion einzubringen.
Außerdem waren die Potsdamer JN-Mitglieder, beziehungsweise Mitglieder der “Freie Kräfte Potsdam” Carsten S., Thomas P. und Mirko K. anwesend, diese meldeten sich jeodch nicht zu Wort.
Im Mai 2009 rückte Marcel Guse als Abgeordneter der DVU ins Stadtparlament nach, da sein Vorgänger Günther Schwemmer bei einem Autounfall ums Leben kam.
Im Juli 2009 war er an der Gründung der DVU-Gruppe „Junge Rechte“ beteiligt. Er radikalisierte sich zunehmend und mauserte sich rasch vom Ordner zum Redner auf DVU-Veranstaltungen. So sprach er beispielsweise 2009 neben Liane Hesselbarth auf einer DVU Veranstaltung.
Nach den schlechten Ergebnissen der DVU bei den Landtagswahlen 2009, verkündete er seinen Austritt und wechselte zur NPD. In seiner Erklärung heißt es: „Das ist geschehen, weil die NPD für Rechtsextreme die besseren Möglichkeiten bietet, Politik zu machen.” Außerdem sagte er gegenüber der taz: “Die NPD ist die Zukunft, die DVU nur noch ein zweite CSU.”
Ende des selben Jahres zeigte er sich erstmals zusammen mit Potsdamer Neonazis auf einer Demonstration. Er knüpfte intensivere Kontakte zu bestehenden Gruppierungen und band diese dann 2010 und 2011 vermehrt in eigene Aktionen ein.
Nicht nur in Potsdam wurde er zunehmend aktiver. Am 1. Mai 2010 trat er in Berlin auf der Demonstration als Ordner auf und beteiligte sich aktiv an Auseinandersetzungen mit Journalist_innen und der Polizei. Erneut gewaltbereit zeigte er sich auf einer Demonstration in Neuruppin im März 2010. Doch auf den „Straßenkampf“ beschränkte er sich nicht. Er war seit je her aktiv im Internet auf verschiedensten Neonazi-Plattformen (Altermedia, DeutschlandEcho etc.) und veröffentlichte Kommentare, sowie längere hochgradig (neo)nazistischen Texte. Diese wurden irgendwann selbst der NPD-Havel/Nuthe zu offen neonazistisch, so dass diese Zitate z.T. wieder von ihrer Webseite entfernte. 2010 fordert er z.B. die Revidierung der Oder-Neiße-Grenze mit recht drastischen Worten. Ihm sei es egal, ob „ein polnischer Präsident (…) samt Gefolge ins Gras beißt“, da ihn nur die Frage interessiere, „wann kehrt die Heimat meiner Vorfahren wieder heim ins Reich“.
Guse war wichtigstes Bindeglied zwischen den „Freien Kräften Potsdam“ und NPD-Parteistrukturen. Durch seine Funktion als Stadtverordneter konnte er 2010 die Route der „wake up“-Antifademo erfragen. Daraufhin wurde vor Beginn der Demo entlang der Route wiederholt der Spruch „Summer of hate reloaded“ gesprüht, welcher Bezug auf mehrere z.T. lebensgefährliche Übergriffe auf vermeintlich Linke im Jahr 2005 nimmt. Insgesamt wurden entlang der Demonstrationsstrecke hunderte neonazistische Sticker verklebt und dutzende Schmierereien angebracht.
Letztendlich mündete seine Radikalisierung mit dem Austritt aus dem NPD-Ortsverband, um einem Rausschmiss zuvorzukommen. Grund dafür waren seine Aussagen und Standpunkte, die offen rassistisch, antisemitisch und den Nationalsozialismus verherrlichend waren, wodurch er nicht nur Freund_innen innerhalb der Brandenburger NPD hatte, da dieser sich Sorgen um Akzeptanz machen musste. Vor allem Konflikte mit dem Landesvorstand waren ausschlaggebend, wie interne NPD-Mails zeigten, die veröffentlicht wurden. Offiziell führte er das Amt des Stadtverordneten parteilos fort, jedoch erschien er immer seltener zu den jeweiligen Sitzungen.
Nach seinem Austritt aus der NPD beteiligte er sich als Redner an der „werde unsterblich-Kampagne“ der „Freie Kräfte Potsdam“ am 15.07.2011 in Babelsberg und 17.06.2011 Waldstadt. Dort verteilten diese Papierschnipsel um vor einem angeblich nahenden „Volkstod“ zu warnen.
Ende 2011 zog er sich letztendlich auf einen Bauernhof in Wittbrietzen (Brandenburg) zurück. Kurz darauf tauchten Daten seines Handys im Internet auf, welche aufzeigten, dass er bundesweit persönliche Kontakte zu Neonazikadern wie Udo Voigt, Christian Worch, Jörg Hähnel, Thomas Salomon und zahlreichen Brandenburger und Potsdamer Neonazis pflegte. Die selbe Quelle bestätigte, dass er in der Kampfsportschule Chiron in Babelsberg trainierte.
Seit seinem Wegzug, zeigt er sich kaum in der Öffentlichkeit. Zuletzt am 15.01.2012 auf der Magdeburger Neonazidemo zusammen mit anderen Potsdamer Neonazis wie z.B. Thomas P. („Freie Kräfte Potsdam“ und „Infoportal Potsdam“) und Gabor G. Letzterer ist verantwortlich für Aufnahmen von Teilnehmenden eines „Antifaschistisches Spaziergangs“ des Potsdamer Bündnisses „Potsdam bekennt Farbe“ im Dezember 2011. Die Fotos wurden kurz darauf auf der Website der „Freien Kräfte Potsdam“ veröffentlicht.
Trotz des Rückzuges, steht Guse anscheinend weiterhin in Kontakt mit Potsdamer Neonazis und es ist nicht auszuschließen, dass er weiterhin Einfluss auf eben diese Strukturen hat. Vermutlich fehlen finanzielle Mittel, die früher durch die Parteimitgliedschaft beschafft werden konnten und der Rückhalt in der NPD. Noch 2009 schwenkte er stolz die Deutschlandfahne und bereits 2011 musste er wegen zu offen rassistischen Positionen die NPD verlassen. Dieser Prozess wird nicht das Ende seines Werdeganges gewesen sein.

JN Potsdam – Infoportal Potsdam – Freie Kräfte Potsdam

Maik Eminger (Zwillingsbruder des mutmaßlichen NSU-Unterstützers André Eminger und seit Jahren Neonazi-Kader) ist Leiter des Stützpunktes der “Jungen Nationaldemokraten (JN) Potsdam”. Nach außen hin, in dieser Funktion erkennbar, trat er in dieser Position jedoch nie öffentlich in Erscheinung. Maik Eminger war bereits im (mittlerweile verbotenen) „Schutzbund Deutschland“ aktiv und stand 2007 wegen rassistischer Beleidigung gegen den Fußballspieler Gerald Asamoah vor Gericht.
Zur Gerichtsverhandlung meldeten Potsdamer Neonazis eine Kundgebung vor dem Landgericht Neuruppin an und traten so erstmals öffentlich mit Maik Eminger in Verbindung. Die Potsdamer Neonazis Sebastian G., Mirko K., Tom S., Tino W. und Jens Z., sowie die Leipziger Istvan Repaczki und Thommy Naumann zeigten auf einem Transparent ihre Solidarität mit Eminger. Thommy Naumann, verantwortlich für die Webseite „Freies Netz Leipzig“, veröffentlichte später u.a. einen Bericht über die Gründung des JN-Stützpunktes.
Im Jahr 2008 stand der oben genannte Sebastian G. zusammen mit Maik Eminger vor Gericht, da ihnen vorgeworfen wurde gemeinsam in Potsdam-West Rudolf-Heß Plakate verklebt zu haben.
Im November 2011 wurde Maik Emingers Grundstück in Grabow (Brandenburg) durch die Polizei durchsucht. André Eminger hielt sich auf dem Grundstück seines Zwillingsbruders versteckt und wurde wegen Kontakten zum NSU und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung festgenommen. Bereits in den Jahren zuvor waren sie gemeinsam politisch in Sachsen und Brandenburg aktiv und unterstützten sich stets gegenseitig.
Seit 2008 ist der Blog „Infoportal Potsdam“ online und veröffentlicht seitdem „Aktionsberichte“ und neonazistische Texte. Dort wurde auch über die Gründung der JN Potsdam berichtet. Bis Ende 2009 war die Email-Adresse der JN Potsdam als Kontaktadresse vermerkt. Thomas P. gilt als Hauptakteur und Autor vieler Texte. Das „Infoportal Potsdam“ ist mittlerweile das Sprachrohr der „Freie Kräfte Potsdam“ (FKP).
In oft antisemitischen Texten und Aktionen wird durch die sogenannte „Volkstodkampagne“ immer wieder auf den angeblich kommende „Volkstod“ eingegangen. Zentrale Aussage und Parole ist hier „Die Demokraten bringen uns den Volkstod“. Seit Anfang 2009 wurden Inhalte und Auftreten der Spreelichter kopiert und eine Zusammenarbeit fokussiert. So gehören zunehmend weiße Masken und Fackeln zum Repertoire der Potsdamer Neonazis. In sogenannten „Aktionsberichten“ wird über die Durchführung und z.T. Nachbereitung von Aktionen geschrieben. Dazu gehört das Werfen von Papierschnipseln mit Parolen, das Sprühen von NS verherrlichenden Graffiti, das Anbringen von Transparenten in Einkaufszentren oder das Verteilen von Propaganda in Form von Flyern oder Visitenkarten.
Ende 2010 wurde u.a. über ein „Heldengedenken“ in einem Waldstück geschrieben. Davon und auch von anderen Aktionen werden dann gelegentlich Audio- oder Videomitschnitte online gestellt, in denen sich das jeweilige pathetische Spektakel angeschaut, beziehungsweise angehört werden kann. Dabei sind dann je nach Anlass zwischen 20 und 80 Neonazis anwesend.
Am 9. November 2011 marschierten ca. 50 Neonazis mit Fackeln nachts durch Potsdam-Waldstadt und skandierten rassistische Parolen. Im Nachhinein brüsteten sie sich auf der Webseite damit, dass sie den Polizeifunk abgehört hätten und so Festnahmen entgehen konnten. Diese Aktion war ein qualitativer Sprung im Auftreten Potsdamer Neonazis im Vergleich zu den weniger aktionistischen Propagandaaktionen in den Jahren zuvor.
Als Reaktion rief das städtische Bündnis „Potsdam bekennt Farbe“ zu einem Stadtteilspaziergang auf. Teilnehmer_innen wurden aus Privatwohnungen fotografiert und diese Fotos später auf der Webseite „Infoportal Potsdam“ veröffentlicht. Zweck ist offenbar die Abschreckung und Einschüchterung antifaschistisch gesinnter Menschen.
Dieses Vorgehen ist nicht neu in Potsdam und Umgebung. Im Jahr 2009 wurden auf der Internetseite “Redwatch” Namen und Fotos von mindestens 57 Personen veröffentlicht um diese als “local” Antifaschist_innen zu “outen”. Im Jahr 2004 versuchte eine Vorgängerstruktur der “FKP”, die “Anti-Antifa Potsdam” (AAP), vermeintliche Potsdamer Antifaschist_innen und linke Lokalitäten zu “outen”. Maßgeblich daran beteiligt waren die Potsdamer Neonazis Melanie Witassek, Oliver Kalies und der Berliner Neonazi Danny Leszinski.
Direkt verantwortlich für die Aufnahmen der Teilnehmer_innen des Waldstadtspaziergangs ist der Potsdamer Neonazi Gabor G., der einen Teil der Fotos direkt von seiner Wohnung aus angefertigt hat. Er wohnte zuvor in Potsdam-West und bezog dann zusammen mit Patrick D. dem Sänger der RechtsRock Band “Preußenstolz” eine Wohngemeinschaft in Potsdam Waldstadt. Für Aufsehen sorgte 2008 ein Bild auf dem Gabor G., sowie drei weitere Personen vermummt und mit Waffen posierend zu sehen sind. Gabor G. selbst macht auf diesem Bild den “Hitlergruß”.
Ein weiterer Fackelmarsch ereignete sich am 3. Februar 2012. Anwohner_innen meldeten der Polizei ca. 20 Personen mit weißen Masken und Fackeln. Laut Polizei wurde bei Teilnehmer_innen ein sogenannter verbotener „Totschläger“ sicher gestellt. Das Spektakel wiederholte sich erneut am 20.09.2012.
Neben Antisemitismus, darf für die Neonazis der „Freien Kräfte Potsdam“ ein bisschen Potsdamer Lokalpatriotismus nicht fehlen. So würdigte des „Infoportal“ 2011 Friedrich den Großen zu dessen Geburtstag mit einem Beitrag inkl. Bildern. Diese zeigten Kartoffeln auf dem Grabstein Friedrich des Großen in Form des „Infoportal“-Logos. Hier werden die Anknüpfungspunkte zur städtischen Inszenierung deutlich, grenzen sich aber durch eine klare antidemokratische Haltung wiederum davon ab.
Alljährliche Ereignisse, über die selbst bzw. die damit verbundenen „Aktionen“ berichtet werden, sind die Bombardierung Dresdens, der sogenannte „Tag von Potsdam“ (Jahrestag der Bombardierung Potsdams im April), der 9. November, der sogenannte Volkstrauertag? und der Todestag von Rudolf Heß. 2012 wurden z.B. Straßennamenschilder mit der Aufschrift „Rudolf-Hess-Straße“ überbeklebt.
In den Jahren 2010 und 2011 hatten die „FKP“ ihre Hochzeit in Bezug auf die Anzahl der Propagandaaktionen. In dieser Zeit nahmen sie immer wieder mit dem Slogan „summer of hate reloaded“ auf den Sommer 2005 Bezug. Vor 2 Jahren existierte zudem noch die Webseite der neonazistischen „Alternativen Jugend Potsdam“, welche zum festen Bestandteil der Potsdamer Neonaziszene gehörte. Seit Ende 2011 ist diese Seite unangekündigt eingestellt worden. Auf dieser Webseite wurde ebenso über „Aktionen“ und z.T. gemeinsame Ausflügen mit den „Freie Kräfte Potsdam“ berichtet. Seit dem Verschwinden der Seite, ist der Name der Gruppe nicht mehr in Erscheinung getreten. Die Mitglieder der „Alternativen Jugend Potsdam“ sind weiterhin in Potsdam aktiv.

Die „Sektion Potsdam“

Ein weiteres neonazistisches Label aus Potsdam ist das der „Sektion Potsdam“, welches hauptsächlich als loses Aktionslabel zu verstehen ist.
Bereits im Jahr 2009 tauchte das Label “Sektion Potsdam” auf. Damals verklebten Potsdamer Neonazis ihre Vernichtungsphantasien gegenüber Antifaschist_innen mittels selbstgedruckter Aufkleber in der Potsdamer Innenstadt und dem Stadtteil Waldstadt an Laternen, Schilder und Haltestellen. Die Aufkleber zeigten eine Maschinenpistole und die Aufschrift “ANTIFA HUNTER”, unterschrieben mit dem Label “SEKTION POTSDAM”.
Am 25. März 2012 fand eine antifaschistische Demonstration in Potsdam-Grube, dem Wohnort des Ladenvermieters des Geschäftes “Tønsberg” in Weißensee, statt. Aus diesem Grund ließen es sich einige Neonazis nicht nehmen, am besagten Tag ebenfalls nach Grube zu fahren, um dort eine Gegenkundgebung durchzuführen. Die Versammlung der Neonazis, die als Eilversammlung und unter dem Motto “Gegen linke Gewalt” angemeldet wurde, setzte sich zusammen aus ca. 30 Neonazis, die zum großen Teil der Potsdamer Neonaziszene zuzuordnen sind. Wie einem von ihnen mitgeführten Transparent zu entnehmen ist, traten sie gemeinsam unter dem Label “Sektion Potsdam” auf. Die Parole auf dem Transparent lautete “AUFMUCKEN GEGEN LINKS” und rief zum “aufdecken & zerstören” von “antifaschistische[n] Strukturen” auf.
Unter den Teilnehmenden befanden sich auch mehrere bekannte Potsdamer Neonazis. Mit dabei waren die beiden Brüder Marco und Dennis H., Gabor G., der zuletzt als “Anti-Antifa”-Fotograf beim “Waldstadtspaziergang” im Dezember 2011 auftrat, sowie auch Lars W., Max S., Tim B., Patrick Danz und Benjamin Österreich.
Letzterer gilt seit Jahren als wichtiger Akteur in der Potsdamer Neonaziszene und Kader der mittlerweile inaktiven Neonazigruppierung “Alternative Jugend Potsdam”. Er unterhält gute Kontakte nach Berlin, was sich durch regelmäßige Teilnahme an Berliner Neonaziaufmärschen äußert, wie auch am 15.07.2011 in Berlin-Neukölln – dort tauchte das Transparent der “Sektion Potsdam” erstmalig auf. Diese Aktion stellte im Potsdamer Kontext eine absolute Ausnahme dar, da die Neonazis selten unter einem Label so offen in Erscheinung treten. Hier zeigt sich ein Selbstbewusstsein, welches aus antifaschistischer Perspektive besorgniserregend ist.

Neonaziaktivitäten in Subkulturen

Neonazistische Musik aus Potsdam

In den vergangenen Jahren hat sich relativ unbemerkt eine Vielzahl kleinerer und größerer Bandprojekte in und um Potsdam gegründet und sind seit dem aktiv. Die einen mehr die anderen weniger. Das heißt, dass die einen ‚lediglich‘ Musik machen und CDs aufnehmen und verkaufen. Wohingegen die anderen eifrig dabei sind auf Nazikonzerte zu fahren, um dort aufzutreten. Vor Ort verkaufen sie ihr Merchandise sowie ihre CDs und knüpfen letztendlich auch Kontakte.

„Preussenstolz – R.A.C. aus Potsdam“

Das aktivste Bandprojekt aus der Region ist „Preussenstolz“. Die Band gründete sich, ihren eigenen Angaben zufolge, im Sommer 2007. Im darauf folgenden Jahr spielten sie ihre ersten Konzerte und nahmen gegen Ende 2008 auch ihre erste Demo CD auf. Im Frühjahr 2009 veröffentlichte sie ihre Demo-CD beim Neonazilabel „Odinseye“, das im sachsen-anhaltinischen Bernburg ansässig ist. Sie erschienen auch auf dem Sampler „Die Söhne Potsdams III“, der Ende 2009 beim Chemnitzer Nazilabel „PC-Records“ veröffentlicht wurde. Im Jahr 2009 spielten sie auf zahlreichen Konzerten, welche zum größten Teil in Sachsen stattfanden. Der Verfassungsschutz zählte für das Jahr 2009 rund 15 Auftritte der Band.
„Preussenstolz“ knüpft, sowohl durch ihre Selbstinszenierung als auch durch ihre Inhalte, an die Tradition und die Ästhetik des „Rock Against Communism“ (RAC) an. Rassistische und den Nationalsozialismus verherrlichende Texte kennzeichnen die Band ebenso wie ihre kämpferisch-martialische Selbstinszenierung über das Internet, ihre Merchandise Artikel und die Booklets ihrer CDs. Hierbei fällt auch auf, dass es einige Ähnlichkeiten mit der schon etwas älteren Potsdamer Neonaziband „Proissenheads“ gibt.
Neben der offensichtlichen Namensähnlichkeit der beiden Bands existieren auch Bilder auf denen „Preussenstolz“, ähnlich wie zuvor „Proissenheads“, vermummt als Gruppe posierend, in einem Wald stehen. Weiterhin können neben Ähnlichkeiten im Musikstil noch viele inhaltliche Parallelen zwischen den Texten der beiden Bands ausgemacht werden. Hier spielen die gängigen inhaltlichen Motive des RechtsRock wie Rassismus, Antisemitismus, Verherrlichung des NS, Gewaltphantasien sowie Überlegenheitsdenken und Feindbildprojektionen eine Rolle. Aber auch ihre Selbstdarstellung funktioniert über die gleiche Selbstinszenierung. Der kämpferische Skinhead, wie er zum Beispiel im Songtitel „Potsdamer Skinheads aus dem Preußenland – Mitteldeutscher Widerstand!“ besungen wird, ist auf der einen Seite gängiges Motiv des „RAC“ und auf der anderen Seite ein Thema, auf das sich viele Potsdamer Neonazibands beziehen bzw. bezogen haben. Der eben benannte Titel stammt ursprünglich von den „Unbending Bootboys“, einer schon etwas älteren Neonaziband der späten 90er Jahre aus Potsdam und wurde im Jahr 2006 von der Potsdamer Band „Redrum“ und 2008 erneut von „Preussenstolz“ gecovert.
Am 02.10.2010 spielten „Preussenstolz“ beim „Preußentag“ in Finowfurt, wobei sie mit dem Cover des Titels „Stiefel auf Asphalt“ ein Mal mehr zeigten, wie wichtig ihnen das Motiv des kämpferischen Skinheads ist. So sang Patrick Danz, der aktuelle Sänger der Band: „Der Klang von Stiefeln auf Asphalt geht unter die Haut, denn Skinheads marschieren wo sich keiner mehr traut.“ Das Publikum der NPD Veranstaltung dankte ihnen daraufhin mit Rufen nach einer Zugabe.
Zu dieser „Karriere“ wäre es ohne Uwe Menzel wahrscheinlich niemals gekommen. Die Band „Proissenheads“, welche sich Mitte der 1990er Jahre in Potsdam etablierte und deren Protagonist Uwe Menzel bis heute aktiv ist, zählte zu einer der bekanntesten RechtsRock Bands in der Bundesrepublik der späten 90er Jahre. Aber auch international sind „Proissenheads“, durch ihre Kontakte zum „Blood & Honour“ Netzwerk, bekannt geworden. Die Band als Projekt „Proissenheads“ existiert zwar seit 2001 nicht mehr, jedoch spielen einzelne Bandmitglieder derzeitig immer noch in verschiedenen Neonazibands. Uwe Menzel zum Beispiel singt weiterhin für die beiden Bands „Burn Down“ und „Bloodshed“.
Auch solo ist Uwe Menzel unterwegs. Unter seinem Szenespitznamen „Uwocaust“, der von ihm in Anlehnung an die Shoa gewählt wurde, spielte er zuletzt auf einem Hammerskin-Konzert im Juli 2010 im Elsass und im November 2010 im „Ting-Haus“ in Grevesmühlen (Mecklenburg Vorpommern).
Die Tatsache, dass die Band „Preussenstolz“ aus Potsdam kommt, spielt deshalb eine wichtige Rolle, da sie dadurch auf eine schon bestehende neonazistische Struktur zurückgreifen kann. Gute Kontakte zu anderen Potsdamer Neonazibands und Szenegrößen erleichterten ihnen den Einstieg in die neonazistische Musikszene und das Aufsteigen in der selbigen. Dies hat mittlerweile selbst der Verfassungsschutz bemerkt und schreibt dazu in seinem Bericht für das Jahr 2009: „Nachwuchsbands werden von den etablierten Szene-Musikern gefördert. Zu diesen „Förderern“ gehören: „Bloodshed”, „Burn Down”, […] sowie deren Hauptakteure Uwe Menzel („Uwocaust“) aus Potsdam und Rico Hafemann aus Senftenberg (OSL). Bands wie […] „Cynic”, „Preussenstolz” […] profitierten 2009 davon.“
Für diese Unterstützung wird sich selbstverständlich auch bedankt. Im Booklet der Demo CD von „Preussenstolz“ schreibt Daniel Hintze, der Schlagzeuger der Band, der hier unter dem Pseudonym „N. the Frog“ auftritt: „Uwocaust (Danke für die viele Unterstützung)“. Auch weitere seiner Bandkollegen schlossen sich diesem Dank an. Diese Unterstützung hätten sich die Preussenköpfe zu ihrer Zeit wohl auch gewünscht. Nur wäre diese aus dem neonazistischen Lager gar nicht zwingend notwendig gewesen. Die Bärenarbeit hierbei leistete ja bereits die Stadt Potsdam, indem sie der Band die entsprechende Infrastruktur zum musizieren anbot. Somit wurde Potsdam besonders in den 1990er Jahren für Neonazibands sehr attraktiv. Es wurden Proberäume im „Club 18“ am Stern bereitgestellt und die Tatsache, dass es sich hierbei um eine nicht unproblematische Gruppe handelte die hier neonazistische Propaganda verbreitete, wurde gänzlich ausgeblendet. Dies machte es auch erst möglich, dass sich eine Band wie die „Proissenheads“ über mehrere Jahre hinweg etablieren konnte.
Erst eine Aufklärungskampagne Potsdamer Antifaschist_innen im Jahr 1998 führte zu öffentlichem Druck und zum Rauswurf der Band aus dem Jugendclub. Dennoch kam den „Proissenheads“ auch noch in den kommenden Jahren eine wichtige Bedeutung in der Potsdamer Neonaziszene zu.
Der Status quo der Potsdamer Neonaziszene kann als ein enges Geflecht aus NPD, JN, „Freien Kameradschaften“ und eben der subkulturellen Musikszene beschrieben werden.
Deutliche Grenzen zwischen den verschiedenen Flügeln der Szene, wie sie vergleichsweise noch in den späten 90er Jahren vor zu finden waren, können heute nicht mehr ausgemacht werden. Wie diese verschiedenen Gruppen zusammen wirken lässt sich gut an einem Beispiel zeigen.
Am 07.06.2008 fand in Genthin eine Neonazidemonstration der „JN Sachsen-Anhalt“ statt. Hierbei forderten die ca. 250 anwesenden Neonazis ein „nationales Jugendzentrum“. Der Anlass hierfür war die Kündigung des Mietvertrages, für den als „Baracke Genthin“ bekannt gewordenen Neonazitreffpunkt, durch den Vermieter des Gebäudes. Seit dem Frühjahr 2008 betrieb die örtliche Neonaziszene den „nationalen Jugendclub“ und versuchte dort Neonazikonzerte zu veranstalten. Nachdem dadurch dieser Veranstaltungsort wegfiel, organisierte die regionale Neonaziszene in Zusammenarbeit mit den „JN Sachsen-Anhalt“ am 07.06.2008 die Demonstration durch Genthin. An dieser beteiligten sich auch zahlreiche Neonazis aus Potsdam. Jene Neonazis stammten zum Großteil aus dem Umfeld der Band „Preussenstolz“ beziehungsweise der „Freien Kameradschaften“.
In der Folgezeit wichen die Neonazis auf die in der Nähe gelegene Tanzbar „Neue Welt“ aus. Hier spielten auch „Preussenstolz“ am 31.10.2008 ein Konzert welches von ca. 100 Neonazis besucht wurde. Mit dabei waren auch die Neonaziband „Cynic“ aus Potsdam sowie zwei weitere Bands. Ein weiteres Konzert, welches mit ca. 250 Besucher_innen am gleichen Ort stattfand, gab es dann am 24.01.2009. Auch hier waren wieder „Preussenstolz“ zugegen.
Dieses Beispiel zeigt, dass RechtsRock zu einer überregionalen Vernetzung und Mobilisierung von Neonazis führen kann. Denn hier können die Neonazigruppierungen – egal ob NPD/JN, DVU oder „Freie Kameradschaften“ – auf ein bereits bestehendes und überregional gut organisiertes Netzwerk zwischen Bands und Konzertveranstalter_innen zurückgreifen.

Neonazis im Fußball

Potsdam ist durch die linken Fangruppen des SV Babelsberg 03 bekannt für eine Szene in der Neonazis keinen Platz finden. So müssen sie sich andere Nischen suchen, in denen sie im Fußballkontext auftreten können. So existiert mit „Crimark“ eine menschenverachtende Fangruppierung des 1. FC Union mit selbsternannten Hooliganstatus, die in Potsdam aktiv ist und dabei keine Berührungsängste mit neonazistischen Gedankengut hat. Dies wird vor allem deutlich durch Propaganda und Einschüchterungsmanöver gegenüber „Andersdenkenden“ in der Fußballkultur. Bei ihrem Auftreten geben sie sich offen gewaltbereit, antisemitisch und sexistisch.
Führender Kopf ist Paul Udo Kulze. Er war Mitglied der Jugendultragruppe „Teen Spirit Köpenick“, welche in einem Interview im Fanzine des 1. FC Union anmerkten, dass sie „Schwanzlosesgesindel“ ungern in der Fankurve sehen und als störend empfinden. Diese Einstellung gegenüber Frauen beim Fußball ist auch bei einem Großteil von „Crimark” vertreten. Ebenso sind homophobe Beleidigungen gegenüber vermeintlichen SV Babelsberg-Fans wie “Ihr scheiß Schwuchteln” keine seltenen Äußerungen der „Crimark”-Mitglieder.
Paul Udo Kulze ist auch seit Jahren für Schmierereien und Aufkleber mit Sprüchen wie „Juden SVB” und „NS Jetzt” verantwortlich. „FC Union” Tags, gestaltet er oft mit Keltenkreuzen. Diese tauchten anfänglich hauptsächlich in Potsdam-West, Wohnort Paul Udo Kulzes., später auch in anderen Stadtteilen wie Babelsberg auf. Im Jahr 2009 stand er vor Gericht, da er einen Hitlergruß zeigte und danach eine Person angriff.
Die Gesinnung Kulzes wird von weiteren Mitgliedern geteilt. Gemein haben alle die Neigung zu Gewalt und die Suche nach der offenen Konfrontation. Der UJKC Potsdam und die Sportschule Potsdam stellt sich trotzdem weiterhin schützend vor Mitglieder bzw. Schüler, welche der Fangruppe angehören.
Antifaschistische Strukturen deckten Anfang 2012 auf, dass mindestens zwei aktive Neonazis in örtlichen Sportvereinen aktiv sind. Auch nach wiederholten Hinweisen und Druck aus Politik und Sportverbänden, können die beiden Nazis ungehindert weiter ihrer Freizeitbeschäftigung nachgehen.
Im Fall Mario Schober ignorieren die Vereine Fortuna Babelsberg und der PCV Potsdam Panthers die Vorwürfe komplett. Letztere erwägten sogar, Anzeige wegen Verleumdung zu stellen. Schober kann daher in Ruhe weiter als Torwart für Fortuna und als Cheerleader bei den Panthers aktiv sein.
Der Fall Thomas Pecht gestaltete sich interessanter. Eintracht 90 Babelsberg veröffentlichte nach der Veröffentlichung der Vorwürfe ein Mannschaftsfoto, auf dem die Spieler mit einem Transparent „gegen Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und Rechtsextremismus“ werben. Der Verein versucht somit den Ausschluss Pechts zu suggerieren. Auch auf direkte Fragen zu seinem Verbleib äußern sie sich ausweichend. Ein paar Monatespäter, als das Thema durch andere Ereignisse der Lokalpolitik verdrängt war, erschien Pecht wieder offiziell auf Torschützenlisten und auf der Webseite des Vereins als Stürmer.

Die Stadt Potsdam und ihr Umgang mit Neonazis

Potsdam und ein großer Teil der Einwohner_innen sind sehr bedacht auf eine klare Abgrenzung zu „rechten“ und neonazistischen Äußerungen und Tendenzen. Im Mittelpunkt steht dabei das sogenannte „Potsdamer Toleranzedikt“. Angelehnt an das Toleranzedikt des preußischen Potsdams aus dem Jahr 1685 soll auch in der heutigen Zeit vermittelt werden, dass „Fremde“ in Potsdam willkommen sind. Ein wirtschaftlicher Hintergrund ist bei beiden Versionen des Edikts gegeben. Nach dem Dreißigjährigen Krieg, der Brandenburg weitgehend entvölkerte, waren hugenottische Einwander_innen aus Frankreich gerne gesehen um die Wirtschaft anzukurbeln. Heute setzt Potsdam auf sein Image als familienfreundliche Stadt, Touristenmagnet und schöner Wohnort für vielverdienende junge Familien, die Geld in die Kassen spülen. Marodierende Horden von Neonazis schaden diesem Image, und dem Geldfluss, natürlich.
Einher mit der Neuauflage des „Toleranzediktes“ geht eine Glorifizierung des Preußentums auf allen Ebenen der Politik und Gesellschaft. Die „Langen Kerls“, Eliteeinheit des Militär im alten Preußen, marschieren regelmäßig in Potsdam auf und der Landtag wartet gespannt auf seine neue Residenz in Potsdams Mitte – dem Stadtschloss.
Während im Stadtzentrum Friedrich des Großen liebster Männerbund für die preußischen Tugenden von Stadt, Bevölkerung und Touristen gefeiert wird und das „Friedrich-Jahr“ ein unkritisches Gesichtsbild festigt, gedenken Potsdamer Neonazis Friedrichs‘ Grab oder marschieren, hauptsächlich nachts, durch das Plattenbaugebiet Waldstadt.
Im Jahr 2004 versuchte Christian Worch eine Demonstration in der Stadt durchzuführen. Die Route sollte vom Hauptbahnhof durch die Innenstadt gehen. Die Stadt veranstaltete fernab der geplanten Strecke Kundgebungen. Ein direkter Protest gegen die Neonazis wurde abgelehnt. Dass diese dann nicht durch die Innenstadt laufen konnten, ist Antifaschist_innen zu verdanken, die die Route blockierten und erfolgreich gegen die Polizei aktiv verteidigten. Auf Grund der massiven Gegenwehr wurde die Neonazidemonstration daraufhin durch Babelsberg geleitet. Die Stadt feierte sich im Nachhinein friedlich und geschlossen protestiert haben zu können. Ein Hupkonzert vor dem Potsdamer Stadtparlament hat die Demonstration von Christian Worch jedoch sicherlich nicht verhindert.
Im darauf folgenden Jahr versuchte dieser es erneut und meldete eine Demonstration vom Bahnhof Charlottenhof an. Symbolisch aufgeladen stellte sich der Oberbürgermeister Jan Jakobs (SPD) mit einigen Stadtpolitiker_innen in die erste Reihe der Blockaden. Zu einem Räumungsversuch durch die Polizei kam es gar nicht.
Bei allen nachfolgenden angekündigten Aktionen, wie Kundgebungen oder Demonstrationen, versuchte die Stadt, vertreten durch das bürgerliche Bündnis „Potsdam bekennt Farbe“ zu intervenieren und Protest gegen Neonazis zu organisieren. Bei den Kundgebungen der DVU 2008 und 2009 auf dem Luisenplatz veranstaltete die Stadt auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes jeweils Gegenkundgebungen unter dem Namen „Toleranzfest“. Es wurde Bratwurst gegessen, Fußball gespielt und der Musik von der Bühne gelauscht. Vorzeitig beendet wurden die DVU-Veranstaltungen aber durch antifaschistische Aktionen der linken Szene der Stadt, indem die Stromversorgung bzw. Tontechik sowie Propagandamaterial zerstört wurde.
Auch nach der NPD-Demonstration im September 2012 feierte sich die Stadt, den Aufmarsch verhindert zu haben. Dass dabei lediglich die Hauptblockade einen größeren Anteil von Bürger_innen aufwies und alle anderen Blockaden von eher linksradikalen Antifaschistisch_innen gebildet wurden wird wissentlich verschwiegen.
Sonst wird antifaschistische Intervention eher kritisch beäugt. Linksalternative Jugendliche, die ihr Rederecht vor dem Stadtparlament einfordern, werden vom Oberbürgermeister als „rotlackierte Faschisten“ bezeichnet. Dass Potsdam überhaupt ein Naziproblem habe wurde jahrelang durch Politik, Presse und Gesellschaft verdrängt oder gar geleugnet. Vereine verstecken sich hinter sogenannten „Ehrenkodexen“ um mit Neonazis und neonazistischem Gedankengut nicht offen Umgehen zu müssen. Am Status Quo zu Rütteln scheint also für die Stadt Potsdam keine Handlungsoption zu sein, dabei sind die Strukturen gefestigt, selbstbewusst und bundesweit vernetzt.