Thomas Pecht (Bildmitte) am 2. März 2014 als Stürmer für die "SG Eintracht 90 Babelsberg"

Thomas Pecht (Bildmitte) am 2. März 2014 als Stürmer für die „SG Eintracht 90 Babelsberg“

Für das Jahr 2015 widmet die Landeshauptstadt Potsdam ihre Jahreskampagne – unter dem Motto „Potsdam bewegt“ – dem Sport. Sport sei wichtig für die Lebensqualität der Stadt und außerdem habe Potsdam viel zu bieten auf diesem Gebiet, heißt es in der Selbstbeschreibung. [1]
Auch aus antifaschistischer Perspektive eine interessante Sache, hatte Potsdam in den letzten Jahren doch tatsächlich einiges zu bieten – allerdings nicht so, wie die Köpfe hinter der Kampagne „Potsdam bewegt“ sich das gedacht haben. Wir fingen Anfang 2012 an, über verschiedene Potsdamer Neonazis in unterschiedlichen Sport-, meist in Fußballvereinen, zu berichten. Bereits in den Jahren zuvor berichtete das Antifaschistische Pressearchiv Potsdam in seinen Jahresberichten von Neonazi-Fußballturnieren, an denen sich Potsdamer Neonazis beteiligten oder diese selbst organisierten. [2]

Zuletzt veranstaltete der Landesverband der „Junge Nationaldemokraten“ (JN) Brandenburg am 31. März dieses Jahres ein Fußballturnier, an dem sieben verschiedene Teams, darunter auch eines aus Potsdam und ein weiteres aus Potsdam-Mittelmark, teilnahmen. Letzteres belegte dabei den ersten Platz und konnte sich im Finale gegen die Junioren-Mannschaft des „Bunker 88“ aus Lübben (Dahme-Spreewald) durchsetzen.
Veranstaltungen wie diese dienen neben dem Spaß am Spiel und Sport auch der Stärkung einer ideologisierten Vorstellung der Körperzüchtigung. Vor allem aber dienen sie der Vernetzung von Neonazigruppierungen und nicht, oder nur lose, organisierten Neonazis. Eine Bindung an die JN bzw. die NPD oder Nicht-Partei-Strukturen ist die Hoffnung der Organisator_innen solcher Turniere.

Die in den letzten zwei Jahren daraufhin als Reaktionen veröffentlichten Statements, Pressemitteilungen und Artikel verschiedener Organisationen und Vereine offenbaren unserer Meinung nach allerdings ein Verständnis der Thematik, welches wir als ein Symptom des Problems wahrnehmen, das es eigentlich anzugehen gilt.
Verschiedene Vereine und Einrichtungen (u.a. Jugendclub Alpha, Treffpunkt Fahrland, MBT Potsdam, Stadtsportbund Potsdam, Landessportbund Brandenburg, Sportschule Potsdam) erarbeiteten bereits im Mai letzten Jahres eine „Handlungsmatrix“, die einen Umgang „mit Vorwürfen rechtsextremistischer Betätigung in öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen“ erleichtern soll.
Das von den Vereinen sowie dem Stadt- und Landessportbund vorgeschlagene, diskutierte und offenbar bis heute praktizierte Vorgehen ist unserer Ansicht nach deshalb so kritikwürdig, da es die eigentlichen Probleme verschleiert und zu kritisierende Positionen dethematisiert; also an den völlig falschen Stellen ansetzt. Es geht auf zwei A4-Seiten „Handlungsmatrix“ eben nicht darum, wie mit der Person, der neonazistische Aktivitäten vorgeworfen werden, umgegangen wird, sondern lediglich um den Umgang mit den Vorwürfen. Feigenblattpolitik kann schwer greifbarer illustriert werden.

Instrumentalisierung von Migrant_innen zur Dethematisierung rassistischer Verstrickungen
Immer wieder fällt uns auf, so auch in den hier verhandelten konkreten Fällen, dass die auf die Neonazis in ihren Vereinen und Initiativen Angesprochenen mit dem Scheinargument der doch „im Verein integrierten Migrant_innen“ reagieren – eine Anspielung auf die Repräsentation einer vorgeblichen Offenheit und Diversität.
Dabei sind für uns zwei Aspekte problematisch: Einerseits spielt die Tatsache, dass Migrant_innen ebenfalls in den Vereinen sind, keine Rolle. Dies ist noch keine klare Aussage über den Charakter der Vereine und sagt ebenso nichts über das Wirken der Neonazis innerhalb der Vereine aus. Darüber hinaus können auch aktive Neonazis mit Migrant_innen befreundet sein, sie zumindest tolerieren oder sich einfach im Kontext ihres eigenen Sportvereins zurücknehmen.
Das zweite, und unserer Ansicht nach noch problematischere an diesem Argument ist die dabei aktiv vorgenommene VerAnderung der vermeintlichen Migrant_innen. Mit dem Begriff der VerAnderung (vgl. „othering“) ist hierbei gemeint, dass die als nicht weiß und damit „nicht deutsch“ wahrgenommenen Jugendlichen, von denen in vielen Fällen überhaupt nicht bekannt ist, ob sie Migrant_innen sind, also z. B. vielleicht eine Migrationsgeschichte in der ersten oder zweiten Generation haben [3], und in vielen Fällen durch ihr Äußeres zu Migrant_innen gemacht werden, also in der Konsequenz durch rassistische Zuschreibungen erst als diese hergestellt werden.
Wenn diese Konstruktion des Migrant_innen-Begriffs Anwendung findet, so befinden wir uns klar im Fahrwasser rassistischer Diskurse und Produktionen einer weißen [4] Mehrheitsbevölkerung gegenüber den vermeintlich „Anderen“. Dass und wie diese „Anderen“ dabei hergestellt werden, ist eines dieser von uns benannten Symptome des Problems, das hier eigentlichen angegangen werden soll.

Sozialarbeit lieber den Sozialarbeiter_innen überlassen?
Ein weiteres unserer Meinung nach gefährliches und unreflektiert vorgebrachtes Argument ist, was sich im Titel „Die eine und die andere Hand“ eines Artikels der Lausitzer Rundschau (LR) vom 27. Oktober 2013 verbirgt, der sich mit den von uns veröffentlichten Tatsachen um den Potsdamer Neonazi Thomas Pecht beschäftigt. Hierin wird Markus Meyer, der Vorsitzende des Vereins „SG Eintracht 90 Babelsberg“, in dem der besagte Neonazi spielt, zitiert: „Wenn wir unsere Hand von ihm wegziehen, dann bleibt ihm doch nur noch die andere.“ [5] Damit spielt er auf die vermeintliche Verantwortung des Vereins gegenüber dem Neonazi Pecht an und meint zu wissen, dass dieser sonst noch mehr Zeit für die Neonaziszene hätte.
Dass dieses Argument, bei dem sich der Verein als letzte Instanz vor Pechts „Abrutschen“ in die Neonaziszene ausgibt, angesichts der tiefen Verstrickungen ihres Stürmers in die organisierte völkische Neonaziszene Potsdams, Brandenburgs sowie darüber hinaus und seine eigenen Kadertätigkeiten in verschiedenen Neonazigruppierungen wie ein schlechter Witz klingt, täuscht beinahe darüber hinweg, dass dies vermutlich ernst gemeint war.
Wir lehnen diese Umgangsweise strikt ab. Wer glaubt an dieser Stelle eine sozialarbeiterische Praxis anzuwenden, die maximal bei so genannten Mitläufer_innen greift, die_der hat entweder sehr wenig Wissen über die deutsche Neonaziszene oder bewegt sich dabei bewusst auf einem sehr schmalen und gefährlichen argumentativen Pfad. In jedem Fall ist es eine Überschätzung der eigenen sozialpädagogischen Kompetenzen und eine absolute Fehleinschätzung der Situation. Nicht ohne Grund hat das Konzept der so genannten akzeptierenden Jugendarbeit bezüglich rechter Cliquen und Neonazis in der Vergangenheit mehr als deutlich versagt und wird von Expert_innen und Pädagog_innen seit vielen Jahren nicht mehr propagiert; wenn auch, wie im offenbar unbelehrbaren Jugendclub Treffpunkt Fahrland e.V., noch praktiziert.

Fotografisches Statement der "SG Eintracht 90 Babelsberg" gegen "Rechtsextremismus" – ohne Neonazi Thomas Pecht

Fotografisches Statement der „SG Eintracht 90 Babelsberg“ gegen „Rechtsextremismus“ – ohne Neonazi Thomas Pecht

In der Bildunterschrift eines Mannschaftsfotos, was im Zuge der Auseinandersetzungen um das Thema entstanden ist, heißt es: „Gesicht und Haltung zeigen – auch mit einem Rechtsextremisten im Verein. Der Fußballverein Eintracht 90 Babelsberg mit Banner des Landessportbundes.“
Was hier als vermeintlich selbstbewusster Umgang mit einem widersprüchlichen Thema suggeriert wird, resultiert unserer Ansicht nach aus einer verschobenen Perspektive, die zu einer Dethematisierung führt.
Dass Pecht keine Lust hatte, auf dem Foto zu sein, ist aus seiner Perspektive konsequent und nicht verwunderlich. Dass dies darüber hinaus auch ein klares Statement seinerseits ist, wird nicht gesehen oder verschwiegen. Wenn sich ein aktiver Neonazi zu solch einer Positionierung nicht verhält und fernbleibt, ist das kein Zufall, sondern ein klares Statement. Desweiteren ist das Foto ein, wenn auch vorgeblich kritisches, Bekenntnis zum Neonazi Pecht seitens des Vereins und verschleiert einen Nicht-Umgang mit der Thematik.
Wir denken, dass dies genau der falsche Umgang der „Sportgemeinschaft Eintracht 90 Babelsberg“ mit diesem Problem ist und meinen auch, dass diese beim Fall Thomas Pecht nicht um einen Vereinsausschluss herumkommt. Alles andere wäre so skandalös, wie die Situation bereits seit mindestens März 2012, genauer gesagt aber seit Pechts Beginn bei der „SG Eintracht“ vor über sieben Jahren, ist. [6]
„[S]olange er sich an die Regeln hält“, so der Vereinsvorsitzende Meyer, wollen sie ihn nicht ausschließen. Damit bezieht er sich offenbar auf die Regeln, die für das Spiel an sich gelten – nicht solche, die einen möglichst diskriminierungsarmen Umgang innerhalb der Gesellschaft gewährleisten könnten. Menschenverachtende Ideologie, wie Pecht sie vertritt, steht diesen Zielen konfrontativ gegenüber.

Foulspiel der Potsdamer Antifa oder legitime Grätsche gegen Mario Schober?
In der Tageszeitung PNN wird Anfang Juni 2014 über eine Sprühaktion an einem Sportplatz am Stern berichtet. Darin heißt es: „Unbekannte haben auf der von dem Verein genutzten Sportanlage in der Newtonstraße in Großbuchstaben das Wort ,Naziunterstützungsverein‘ gesprüht.“ [7] Weiter heißt es in dem PNN-Artikel: „Fortuna-Schatzmeister und Vorstandsmitglied Gert Laßmann sagte, es sei ihm ,völlig schleierhaft, warum unser Verein in die Naziecke gestellt wird‘. So sei Fortuna am Bundesprogramm ,Integration durch Sport‘ beteiligt, viele Kinder in den Jugendmannschaften hätten einen Migrationshintergrund.“
Unsere Kritik, zumindest was den letzten von Laßmann vorgebrachten Punkt angeht, dürften wir bereits klargemacht haben. Auch dass ihm „völlig schleierhaft“ sei, warum der Verein „in die Naziecke gestellt wird“, ist uns völlig schleierhaft. Denn die Kritik am Torwart der 2. Männer-Mannschaft Mario Schober sollte ihm spätestens seit dem Februar 2012 bekannt sein. [8]

Insgesamt ist festzustellen, dass Potsdam sich überhaupt nicht bewegt. Seit Jahren sind aktive Neonazis in Vereinen und werden dort nicht nur geduldet, sondern seit den öffentlichen Debatten auch noch aktiv in Schutz genommen. Aber nicht nur das, es wird sich weiterhin problematischer rassistischer Argumentationslinien bedient, die meinen, weil Menschen als Migrant_innen wahrgenommen würden, bedeute dies ein Vorfinden einer toleranten Vereinsstruktur. Dabei wird nicht erkannt, dass schon das Vorbringen eines solchen Arguments rassistische Bilder erzeugt und Gruppen wie „Wir-Deutschen“ und „Die-Migrant_innen“ schafft. Sich solcher platten Bilder zu bedienen und dabei zu verteidigen, dass Neonazis in den Vereinen aktiv sind, zeigt einmal mehr, wohin sich hier die Sportvereine Potsdams bewegen: ins Abseits.

[1] http://www.pnn.de/potsdam/880836/
[2]
a. http://arpu.blogsport.eu/2012/02/20/cheer-for-ns-potsdamer-neonazi-mario-schober/
b. http://arpu.blogsport.eu/2012/02/22/neonazi-mario-schober-mehr-als-unglaubwurdig-verein-verharmlosend/
c. http://arpu.blogsport.eu/2012/03/27/thomas-pecht-volkssport-fur-die-volksgemeinschaft/
d. http://arpu.blogsport.eu/2012/05/30/gewaltromantik-trifft-auf-neonazidenken-crimark-neonazi-hools-in-rot-weis/
e. http://arpu.blogsport.eu/2012/06/04/schober-und-pecht-noch-immer-etabliert-vereine-hofieren-neonazis/
f. http://arpu.blogsport.eu/2013/04/08/potsdamer-neonazis-auch-2013-sportlich/
g. http://arpu.blogsport.eu/2013/04/29/stadtsportbund-unterstreicht-seine-ohnmachtigkeit-gegen-neonazis-in-den-eigenen-reihen/
und http://apap.blogsport.eu/publikationen/
[3] Hier eröffnet sich die Frage, bis wann Menschen, deren Eltern oder Großeltern eine Migrationsgeschichte haben, selber Migrant_innen bleiben oder eben einfach Menschen mit der Staatsbürgerschaft ihres jeweiligen Geburts-, also Herkunftslandes sind.
[4] Der Begriff wird hierbei nicht als Markierung einer Hautfarbe, sondern als soziale Positionierung verstanden.
[5] http://www.lr-online.de/regionen/cottbus/Die-eine-und-die-andere-Hand;art1049,4370586
[6] http://arpu.blogsport.eu/2012/03/27/thomas-pecht-volkssport-fur-die-volksgemeinschaft/
[7] http://www.pnn.de/potsdam/861186/
[8] http://arpu.blogsport.eu/2012/02/20/cheer-for-ns-potsdamer-neonazi-mario-schober