Der Verein Fortuna Babelsberg, der wegen integrierten Neonazis in seinem Vereinsleben erneut in Kritik geraten ist, reagiert, nicht überraschend, mit Abwehr, Dethematisierung und leider auch viel Trotz. Eine denkbar schlechte Ausgangssituation für einen kritischen und dem Thema angemessenen, ernsthaften Dialog.
Einem Presse-Artikel vom Donnerstag, der die vorgebrachte Kritik aufnimmt und bestätigt, dass der Verein „schon mehrmals in der Kritik, eine Nähe zur rechtsextremen Szene zu haben“, stand, ist zu entnehmen, dass dieser in einer Sondersitzung des Vorstands die Vorwürfe behandeln und anschließend eine Presseerklärung abgeben werde. [1]
Dies geschah dann am Donnerstag Abend. Unter dem Titel „Fortuna gegen rechts“ bestätigte sich einmal mehr die Unfähigkeit des Vereinsvorstandes sowie seines Vorsitzenden Hartmut Domagala Selbstkritik zu üben, geschweige denn die benannten Neonazis des Vereins zu verweisen. So sehen sie ihren „Verein negativ dargestellt“ und wollen sich dagegen „wehren“, da sie „fussballspielenden Jugendlichen und Erwachsenen verschiedener Hautfarben und Nationalitäten seit Jahren im Verein eine Bindung und Heimat geben.“ [2]

Wie bereits in der Vergangenheit geschehen, kritisieren wir diese Instrumentalisierung von Migrant_innen zur Dethematisierung rassistischer Verstrickungen. Erneut wird mit dem Scheinargument der doch „im Verein integrierten Migrant_innen“ reagiert. Eine Anspielung auf die Repräsentation vorgeblicher Offenheit und Diversität.
Dass es diese in Ansätzen im Verein gibt ist gut und wichtig. Auch dass Geflüchtete ins Vereinsleben integriert werden sollen, oder bereits sind, ist anerkennend zu benennen. Daraus jedoch ein Abwehrargument gegen die Kritik an neonazistischen Verstrickungen zu machen, ist Feigenblattpolitik und lenkt damit vom eigentlichen Thema ab. Denn einerseits spielt die Tatsache, dass Migrant_innen ebenfalls in den Vereinen integriert sind, keine Rolle, da dies noch keine klare Aussage über den Charakter der Vereine und ebenso nichts über das Wirken der Neonazis innerhalb der Vereine aussagt. Andererseits können auch Neonazis mit Migrant_innen befreundet sein, sie zumindest tolerieren oder sich einfach im Kontext ihres eigenen Sportvereins zurücknehmen. Migrant_innen oder Geflüchtete im Verein schließen Neonazis im selbigen nicht aus – ebensowenig andersherum. Das ist eine gesellschaftliche Realität.
Der Verein schreibt weiter: „Wir bekennen uns eindeutig gegen rechts und rufen ALLE Mitglieder am Sonntag auf Farbe zu bekennen. Wir zeigen unsere Stärke mit unserer Anwesenheit.“ Integration heißt für den Verein wohl zusammen mit den von uns benannten Personen, die Bezüge zu neonazistischen oder rassistischen Strukturen aufweisen, „gegen rechts“ zu demonstrieren – ein logischer Kurzschluss.
In einer weiteren Stellungnahme heißt es, „Der gesamte Verein hat vor allem auch die Aufgabe die vielen fleißigen Ehrenamtlichen zu schützen und nicht von Außen verunglimpfen zu lassen.“ Auch wenn wir uns in Potsdam der Landeshauptstadt von Brandenburg befinden, liest sich dieser Satz wie aus der hintersten Provinz eines beliebigen dorfgemeinschaftlichen Abwehrdiskurses gegen alles, was vermeintlich nicht dazu gehört und von „Außen“ kommt. Die „Verunglimpfung“ jedoch geschieht durch das eigene Wegsehen, durch den Umgang mit neonazistischen Personen, durch die Akzeptenaz rassistischer und neonazistischer Symboliken im Verein und Freundeskreis. Wer das Hinweisen auf vorhandene neonazistische Tendenzen als „Verunglimpfung“ bezeichnet, muss sich die Kritik verharmlosend zu sein und zu dethematisieren gefallen lassen – Selbstkritik und Problembewusstsein sehen in jedem Fall anders aus.

Die Zeit heilt alle Wunden… nicht.

Ähnlich, wie im oben benannten PNN-Artikel, springt auch der Vorstand von Fortuna Babelsberg reflexartig auf die Fakten und Bilder, die sie in eine vermutlich längst abgeschlossene Vergangenheit hineindeuten, an. Die den Nationalsozialismus verherrlichenden Tattoos auf Andre Hartmanns Körper, die im PNN-Artikel durch Bennennung und zeitlicher Einordnung des tättowierten Wehrmachtssoldaten bei gleichzeitiger Nicht-Benennung des aktuelleren Fotos mit der „Schwarzen Sonne“ in den Kontext eines „das ist ja jetzt auch schon wieder viele Jahre her“ setzen, sind jedoch Gegenwart. Die von den Nationalsozialist_innen entworfene und bei Neonazis äußerst beliebte „Schwarze Sonne“ [4] ist bei jedem Anlass, zu dem Hartmann ein T-Shirt oder andere kurzärmelige Kleidung trägt, zu sehen. Also potentiell auch bei jedem Training für die Kinder. Das Symbol gilt als legaler jedoch nicht weniger aussagekräftiger Platzhalter für das Hakenkreuz und SS-Runen.
Auch alle anderen von uns angeführten Bilder und Belege sind nicht etwa „uralt“ sondern zeigen eine aktuelle Verstrickung der benannten Personen in neonazistische, rassistische und andere menschenverachtende Zusammenhänge.
Marcus Schiller war, wie bereits berichtet, in diesem Sommer an einem neonazistischen Übergriff auf antifaschistische Fans des SV Babelsberg 03 beteiligt, und er ist jetzt Sponsor von Fortuna Babelsberg.
René S. oder Kai E. verkehren aktuell mit aktiven Neonazis wie Ilja Schartow, Sebastian Glaser oder Steve Schmitzer.
Andre Hartmann verbreitet aktuell rassistische und neonazistische Inhalte – sei es über seine Haut oder über sein Facebook-Profil, auch wenn dieses mittlerweile nicht mehr öffentlich einsehbar ist und er möglicherweise belastende Fotos löschte.
David Friedrich ist aktuell mit Marcus Schiller befreundet und verbringt einen Teil seiner Freizeit mit ihm. Weiterhin propagierte er vor wenigen Monaten sein rassistisches Weltbild und seine Zuneigung für Ilja Schartow.
Normen Stengel verbreitet aktuell neonazistische Propaganda über sein Facebook-Profil – unsere aufgeführten und weitere Statements seinerseits stammen alle aus dem Jahr 2015.
Der Verein macht es zwar nicht so konkret wie der PNN-Artikel, dass „Ausschließlich auf Grund von Vergangenheiten zu urteilen, […] keine Integration [sei].“ [3] Dennoch bemüht auch dieser die Vorstellung, die recherchierten Tatsachen und benannten Kritiken beziehen sich auf einen mehrere Jahre zurückliegenden Zeitraum. Das ist eine bewusste Auslassung aller aktuellen Belege für neonazistische, rassistische und andere menschenverachtende Äußerungen, Sympathien und Positionierungen von Mitgliedern bei Fortuna Babelsberg. Dies wiederholt zu tun, schützt Neonazis und Rassist_innen, spielt die eigene Rolle hinsichtlich des dadurch gebotenen Rückzugsraum für eine Normalisierung menschenverachtender Positionen herunter und ist schlichtweg brandgefährlich.

Abschließend sei allen Verantwortungsträgern des Vereins unser Artikel aus dem November 2014 ans Herz gelegt, in dem wir uns etwas ausführlicher mit den bekannten Abwehrmechanismen auseinandersetzen: „Potsdam bewegt sich nicht – Potsdamer Sportvereine und ihre Neonazis“
Falls sie es noch nicht gemerkt haben – wir kritisieren den Umgang mit neonazsitischen und rassistischen Tendenzen. Es geht nicht um Kritik an der Nachwuchsarbeit, wie oft Kuchenbasare für Hilfsbedürftige veranstaltet werden oder wieviel ehrenamtliche Arbeit die Mitglieder verrichten. Kurz: was in der alltäglichen Vereinsarbeit geschieht ist uns herzlich egal. Wenn jedoch mit menschenverachtender Ideologie auf diese Art und Weise umgegangen wird, werden wir uns zu Wort melden. Wir sind gespannt, wie die vom Verein angekündigten Konsequenzen aussehen, ob es bei inhaltslosen Lippenbekenntnissen bleibt oder ob sie zu dem alternativlosen Schluss kommen die besagten Personen aus dem Verein aus zu schließen und den Weg einer tatsächlichen, inhaltlichen Auseinandersetzung wählen.

[1] http://www.pnn.de/potsdam/1015058/
[2] http://www.fortunababelsberg.de/index.php/92-vereinsnachrichten/3259-aufruf-an-alle-vereinsmitglieder
[3] http://www.fortunababelsberg.de/index.php/unser-verein/3258-fortuna-gegen-rechts
[4] http://www.netz-gegen-nazis.de/lexikontext/die-schwarze-sonne-faelschlicherweise-germanische-herkunft-zugesagt